Konzert "Die Tageszeiten"

Kantate von Georg Philipp Telemann (1681 - 1767), Dichtung von Justus Friedrich Wilhelm Zachariä (1726-1777)

Aufführung am 26. September 2026, 19 Uhr In der Unterkirche in Bad Frankenhausen

Tickets:

18€/12€ Ermäßigt (Schüler, Rentner, Schwerbehinderte, Sozialhilfeempfänger, unter Vorlage eines Nachweises)
Freie Platzwahl in der Unterkirche in Bad Frankenhausen

 

Vorverkauf / Reservierung:

Ab 1. August 2026 in der Tourist-Information Bad Frankenhausen
Sie können Ihr Ticket telefonisch oder per Email reservieren. Bezahlung erfolgt am Veranstaltungsort.

Telefonische Kartenreservierung: 034671 – 71717 (täglich 10 – 17 Uhr)
Kartenreservierung per Email: tourismus@kurstadt-bfh.de

 

Abendkasse:
26.9.26 ab 18 Uhr

Veranstaltungsort: Unterkirche Bad Frankenhausen

Anlässlich des 300. Geburtstages des Dichters Justus Friedrich Wilhelm Zachariä, der 1726 in Bad Frankenhausen geboren wurde, wird das herausragende Spätwerk des Komponisten Georg Philipp Telemann neu und in einzigartiger Besetzung neu aufgeführt.
 
Erleben Sie ein Highlight im Jubiläumsjahr „J.F.W. Zachariä – Dichter der Aufklärung aus Bad Frankenhausen“ in einem besonderen Klangraum, der barocken Unterkirche. Ein Ort, an dem der Dichter als junger Mann selbst Musikunterricht nahm.
Gestaltet von der Kantorei Bad Frankenhausen und Oldisleben mit Solisten und Orchester unter Leitung von
Laura Schildmann.

Besonderer Hinweis:

Vor dem Konzert noch ins Museum? Die Sonderausstellung „Justus Friedrich Wilhelm Zachariä – Dichter der Aufklärung aus Bad Frankenhausen“ ist am 26. September für Interessierte bis 18.30 Uhr geöffnet.

 

www.regionalmuseum-bfh.de

Die Tageszeiten

Die Zusammenarbeit zwischen Telemann und Zachariä bei der Entstehung der Kantate „Die Tageszeiten“ (1757) stellt ein faszinierendes Kapitel der Musikgeschichte dar. Zwei Generationen trafen aufeinander. 

Der bereits 76-jährige „Alte Meister“ Telemann, eine Koryphäe der Barock-Musik, begeisterte sich für das Werk des kaum 30-jährigen Dichters Zachariä. Dass der ehrwürdige Telemann ausgerechnet mit diesem „frechen Geist“ – gemeint ist Zachariä – wie es in einem Brief heißt, zusammenarbeiten wollte, war damals durchaus ein Thema.

In konservativen Kreisen galt Zachariä als Provokateur. Telemann, der zeitlebens bekannt für seine Disziplin war, konnte die „Lässigkeit“ des jungen Zachariä kaum ertragen.

Umso schöner geriet dann das Ergebnis der Zusammenarbeit. Mit meisterhafter Klangmalerei vertonte Telemann die von Zachariä geschilderten Naturphänomene eines Tages vom Morgen bis zur Nacht. So entstand ein spektakuläres musikalisches Werk. Die Uraufführung fand 1757 in Hamburg statt.

Kooperationspartner:

Weitere Informationen:

DANK:
Wir danken allen, die sich vor Ort beteiligen und uns unterstützen, insbesondere auch der Stadtverwaltung Bad Frankenhausen.
Natur, Gefühl und Ordnung der Welt – Zu Zachariäs „Tageszeiten“

Als Justus Friedrich Wilhelm Zachariä 1756 sein Lehrgedicht „Die Tageszeiten“ veröffentlichte, war er noch keine dreißig Jahre alt. Der junge Gelehrte hatte sich bereits einen Namen gemacht, allerdings vor allem als Verfasser satirischer Dichtungen. Mit den Tageszeiten verfolgte er ein anderes Ziel: Er wollte zeigen, dass er nicht nur den Witz, sondern auch die große, ernste Form beherrschte. Das Ergebnis ist ein Werk, das den Lauf eines einzigen Tages zum Gegenstand macht und dabei Naturbeobachtung, philosophische Betrachtung und poetische Selbstvergewisserung miteinander verbindet.

 

In vier Gesängen – Morgen, Mittag, Abend und Nacht – führt Zachariä seine Leser durch einen geschlossenen Tageskreis. Geschrieben in klassischen Hexametern, knüpft das Gedicht an die Tradition antiker Lehrdichtung an und steht zugleich an einer literarischen Schwelle: Noch ist die Welt von der vernünftigen Ordnung der Aufklärung geprägt, doch bereits die empfindsame Naturerfahrung der zweiten Jahrhunderthälfte wird spürbar.

 

Unsere Reise beginnt in der ersten Morgenröte. Zachariä beschreibt das Erwachen der Welt wie ein sanftes Spektakel, das die Müdigkeit vertreibt. Der Morgen eröffnet das Werk als feierlicher Akt des Erwachens. Die Nacht weicht, Licht breitet sich über die Landschaft aus, und mit dem neuen Tag beginnt eine Bewegung, die den gesamten Text trägt.

 

Schon entflieht die Nacht; es erblasst ihr dunklerer Schatten, 

Und ein rötlicher Strom von Strahlen überschwemmet die Hügel. 

 

Die Natur erscheint hier nicht als bloße Kulisse, sondern als Ausdruck einer geordneten und sinnhaften Schöpfung. Das Erwachen der Welt wird zugleich zum Bild für menschliche Tatkraft, Erkenntnis und Neubeginn.

 

Im zweiten Buch erreicht die Sonne ihren höchsten Stand. Der Mittag bringt nicht Aktivität, sondern Verlangsamung. Menschen, Tiere und Landschaft scheinen unter der Hitze innezuhalten. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Die Menschen flüchten in den Schatten, und die Natur scheint für einen kurzen Moment den Atem anzuhalten:

 

Matt von der drückenden Glut, und vom dampfenden Mittag entkräftet, 

Suchet das schmachtende Vieh den kühlenden Schatten der Eiche. 

 

Aus dieser Ruhe heraus entfaltet Zachariä seine gedanklichen Exkurse über Kunst, Kultur und Gesellschaft. Das Gedicht verlässt immer wieder die unmittelbare Naturbeschreibung und wird zum Spiegel eines gelehrten Zeitalters, das die Welt nicht nur betrachten, sondern auch verstehen wollte.

 

Mit dem Abend kehrt Harmonie ein. Das Licht wird milder, die Arbeit des Tages klingt aus, und die Landschaft erscheint in warmen Farben. Wenn die Sonne langsam sinkt, schlägt die Stunde der Romantik und der Entspannung. Der Abend ist bei Zachariä friedlich, golden und voller sanfter Töne:

Goldene Wolken umgeben den sinkenden Wagen der Sonne, 

Und ein kühlender Westwind durchsäuselt die flüsternden Büsche. 

 

Das letzte Buch schlägt leisere, fast feierliche Töne an. Die Welt hüllt sich in Dunkelheit, und der Blick wird frei für den funkelnden Sternenhimmel:

 

Heilige Nacht! O wie feierlich ist deine schweigende Stille! 

Alles ruhet und schläft; nur mein Auge bewundert den Himmel. 

 

Der Ton wird feierlicher und nachdenklicher. Angesichts der Sterne denkt der Dichter über Vergänglichkeit und Ewigkeit nach, über die Stellung des Menschen im Kosmos und über die Ordnung der Schöpfung. Hier berühren sich auf charakteristische Weise Aufklärung und Empfindsamkeit, rationales Staunen und persönliches Gefühl gehen ineinander über.

 

Zeitgenössische Leser nahmen das Werk mit großem Interesse auf. Die prächtige Ausstattung der Erstausgabe mit allegorischen Kupferstichen machte das Buch zu einem begehrten Sammlerstück. Kritiker lobten die sprachliche Eleganz und die sichere Beherrschung des Hexameters, bemängelten jedoch gelegentlich die Vielzahl der eingeschobenen Betrachtungen, durch die die Einheit des Gedichts aufgelockert werde. 

 

„Die Tageszeiten“ ist Naturgedicht, Lehrgedicht, kulturgeschichtliches Dokument und Selbstporträt eines jungen Autors zugleich.

 

 

Quellen und Literatur:

 

1. Friedrich Wilhelm Zachariä: Die Tageszeiten. Ein Gedicht in vier Büchern. Rostock und Leipzig: Johann Christian Koppe, 1756. Erstausgabe. Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek. Nachweis der Ausgabe und bibliographische Angaben: 

 

2. Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: biographische Angaben zu Studium, Tätigkeit am Collegium Carolinum und literarischem Umfeld. 

 

3. Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 44 (1898), Artikel „Zachariä, Justus Friedrich Wilhelm“ (von Carl Schüddekopf). Grundlage für die literaturhistorische Einordnung und die zeitgenössische Rezeption.

 

4. Cord-Friedrich Berghahn, Gerd Biegel, Till Kinzel (Hg.): Friedrich Wilhelm Zachariä (1726–1777). Leben und Werk im Kontext. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2018.

 

5. Zur Ausstattung der Erstausgabe mit Kupferstichen von Johann Justin Preißler und ihrer zeitgenössischen Wirkung siehe die neuere Forschung zur Buchillustration des 18. Jahrhunderts; die Existenz der illustrierten Ausgaben ist bibliographisch nachgewiesen. 

Die Musik im Leben und Werk Zachariäs

Weniger bekannt ist, dass Musik für den Dichter J.F.W. Zachariä keineswegs nur ein Gegenstand literarischer Darstellung war. Vielmehr verstand er sich zeitlebens als Dichter und Musiker zugleich. Sein Werk eröffnet damit einen faszinierenden Blick auf eine Epoche, in der Poesie und Tonkunst noch eng miteinander verbunden waren und sich gegenseitig inspirierten.

 

Die Grundlagen dieser Doppelbegabung wurden bereits in seiner thüringischen Heimat gelegt. Als Schüler der Fürstlichen Landesschule in Frankenhausen erhielt der junge Zachariä eine gründliche musikalische Ausbildung, wie sie für höhere Bildungsanstalten des 18. Jahrhunderts typisch war. Musik gehörte damals selbstverständlich zur humanistischen Erziehung und diente nicht allein der künstlerischen Bildung, sondern auch der geistigen Formung des Menschen. Die Quellen belegen, dass Zachariä schon als Jugendlicher nicht nur musizierte, sondern selbst komponierte. Nach seinem Wechsel an die Universität Leipzig 1743 schrieb er als Dank an seinen früheren Schulleiter Schumann eine eigene „Abendmusik“. Im selben Jahr entstand mit „Günther oder die Schwarzburgische Tapferkeit auf dem Kaiserthron“ sogar ein Singspiel, zu dem Zachariä sowohl den Text als auch die Musik lieferte. Bereits der Siebzehnjährige beherrschte also die seltene Verbindung von dichterischer und musikalischer Gestaltung.

 

Als Zachariä Mitte der 1750er Jahre an seinem großen Gedicht Die Tageszeiten arbeitete, hatte er sich als Autor bereits einen Namen gemacht. Mit diesem Werk suchte er bewusst nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Die gesamte Anlage des Gedichts verrät ein ausgeprägtes musikalisches Denken. Der Tageslauf wird wie eine große Komposition in vier Sätzen gestaltet: Morgen, Mittag, Abend und Nacht folgen einander in klarer Ordnung und besitzen jeweils ihren eigenen Charakter, ihre eigene Atmosphäre und ihr eigenes Tempo. [Berghahn et al. 2018; Zachariä 1756]

 

Schon der Beginn des Gedichts entfaltet eine Klang- und Bewegungswirkung, die an musikalische Steigerungen erinnert. Wenn „die Nacht entflieht“ und ein „rötlicher Strom von Strahlen“ die Landschaft überflutet, entsteht eine Szene von großer Bild- und Klangkraft. Die Natur wird nicht bloß beschrieben, sondern regelrecht inszeniert. Licht, Wetter, Wind und Bewegung erscheinen wie Stimmen eines großen Orchesters, das den Ablauf des Tages gestaltet.

 

Diese musikalische Qualität blieb den Zeitgenossen nicht verborgen. Dass einer der bedeutendsten Komponisten des 18. Jahrhunderts, Georg Philipp Telemann, sich eines zeitgenössischen Gedichts annahm, zeugt von dessen außerordentlicher Wirkung. Zugleich macht die Vertonung deutlich, wie eng Literatur und Musik in der Kultur der Aufklärung miteinander verbunden waren.

 

Der Erfolg der Telemann-Vertonung dürfte Zachariä zusätzlich bestärkt haben, seine eigenen musikalischen Ambitionen weiterzuverfolgen. Im Jahr 1760 veröffentlichte er im Selbstverlag die „Sammlung einiger musikalischen Versuche“. Darin vertonte er eigene Oden und Lieder und trat ausdrücklich als Komponist an die Öffentlichkeit. Die zeitgenössische Kritik nahm diese Veröffentlichung aufmerksam wahr. Der Berliner Musiktheoretiker Friedrich Wilhelm Marpurg lobte die melodische Erfindungsgabe des Autors, bemerkte jedoch zugleich, dass man an manchen Stellen den nicht akademisch ausgebildeten Komponisten erkenne.

 

Auch in seinem späteren Schaffen blieb die Musik ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. Für das geistliche Drama „Die Pilgrimme auf Golgatha“ (1771) entwickelte Zachariä den poetischen Entwurf und arbeitete dabei mit dem Organisten Johann Balthasar Kehl zusammen, der die musikalische Ausgestaltung übernahm. Das Werk zeigt exemplarisch die Zusammenarbeit von Dichter und Komponist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

 

So erscheint Zachariä heute nicht allein als Dichter der Aufklärung, sondern als Vertreter eines umfassenden Kunstverständnisses. Für ihn waren Wort und Ton keine getrennten Ausdrucksformen, sondern zwei Wege, dieselbe Erfahrung zu gestalten: die Wahrnehmung der Natur, die Reflexion über den Menschen und die Suche nach Harmonie in einer geordneten Welt.

 

Quellen

 

1. Zachariä, Justus Friedrich Wilhelm: Die Tageszeiten. Ein Gedicht in vier Büchern. Rostock und Leipzig: Johann Christian Koppe, 1756. Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek sowie der Zentralbibliothek Zürich (E-Rara). Hauptquelle für Aufbau, Inhalt und Bildwelt der vier Gesänge.

 

2. Regionalmuseum im Schloss Bad Frankenhausen: Justus Friedrich Wilhelm Zachariä (1726–1777). Forschungs- und Biografiedokumentation. Quelle für Schulzeit, musikalische Ausbildung, die „Abendmusik“ von 1743 sowie das Singspiel Günther oder die Schwarzburgische Tapferkeit auf dem Kaiserthron.

 

3. Berghahn, Cord-Friedrich / Biegel, Gerd / Kinzel, Till (Hrsg.): Friedrich Wilhelm Zachariä (1726–1777). Leben und Werk im Kontext. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2018. Quelle für den biografischen Kontext der Braunschweiger Jahre und Zachariäs literarische Neuorientierung.

 

4. Marpurg, Friedrich Wilhelm: Rezension der Sammlung einiger musikalischen Versuche (1760). In: Historisch-Kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, Bd. 5, Berlin 1761, S. 247–249. Wichtigster Nachweis für Zachariäs Tätigkeit als Komponist und deren zeitgenössische Bewertung.

 

5. Hofmann, Klaus (Hrsg.): Georg Philipp Telemann: Die Tageszeiten (TVWV 20:39). Musikwissenschaftliches Vorwort zur Partitur. Stuttgart: Carus-Verlag, 2010. Grundlage für die Darstellung der Telemann-Vertonung und ihrer Rezeptionsgeschichte.

 

6. Zachariä, Friedrich Wilhelm (Text) / Kehl, Johann Balthasar (Musik): Die Pilgrimme auf Golgatha. Ein musicalisches Drama. Braunschweig 1771. Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek. Nachweis der Zusammenarbeit zwischen Dichter und Komponist.

 

7. Schüddekopf, Carl: „Zachariä, Justus Friedrich Wilhelm“. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 44, Leipzig 1898, S. 634–641.

Georg Philipp Telemanns Kantatenzyklus Die Tageszeiten

Georg Philipp Telemanns Kantatenzyklus Die Tageszeiten(TWV 20:39) gehört zu den bemerkenswertesten Werken seines Spätwerks und zugleich zu den faszinierendsten Zeugnissen des musikalischen Übergangs vom Barock zur Vorklassik. Das Werk entstand in Hamburg in den letzten Lebensjahren des Komponisten und wurde am 20. Oktober 1757 im Hamburger Drillhaus unter Telemanns eigener Leitung uraufgeführt. Telemann war zu diesem Zeitpunkt bereits über 75 Jahre alt und genoss europaweit einen Ruf als einer der angesehensten und produktivsten Komponisten seiner Zeit. Die Entstehung eines derart frischen, klanglich innovativen und stilistisch modernen Werkes in seinem hohen Alter wurde von Zeitgenossen als eindrucksvoller Beleg seiner ungebrochenen Schaffenskraft wahrgenommen.

 

Die dichterische Vorlage spiegelt zentrale Gedanken der Aufklärung wider: die Bewunderung der Natur als Ausdruck göttlicher Ordnung, zugleich aber auch als Gegenstand unmittelbarer ästhetischer Erfahrung. Der Verlauf eines Tages wird zum Sinnbild einer harmonischen Schöpfung, deren Schönheit in poetischen Bildern beschrieben und durch Musik klanglich erfahrbar gemacht wird.

 

Musikalisch offenbart sich in „Die Tageszeiten“ eine erstaunlich moderne Tonsprache. Die Musik wirkt weniger repräsentativ und monumentalisierend als viele ältere Oratorien; stattdessen entwickelt sie eine Atmosphäre von Intimität, Natürlichkeit und unmittelbarer emotionaler Ansprache. Vogelgesang, Morgenlicht, Abendstille und nächtliche Besinnlichkeit werden nicht durch plakative Effekte dargestellt, sondern durch subtile Veränderungen von Klangfarbe, Rhythmus und Harmonik angedeutet.

 

Nach Telemanns Tod verschwand das Werk, wie viele Kompositionen des 18. Jahrhunderts, allmählich aus dem Repertoire. Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich das Interesse der Musikwelt zunehmend auf die großen Passionen Johann Sebastian Bachs, die Oratorien Händels und die Werke der Wiener Klassik. Telemann wurde zwar weiterhin als bedeutende historische Persönlichkeit gewürdigt, seine Musik galt jedoch vielfach als gefällig und weniger tiefgründig als die seiner berühmteren Zeitgenossen. Diese Einschätzung hat die moderne Musikwissenschaft inzwischen grundlegend revidiert. Gerade Werke wie Die Tageszeiten zeigen die Originalität, den Einfallsreichtum und die stilistische Vielseitigkeit des Komponisten.

 

Erst im Zuge der sogenannten Telemann-Renaissance des 20. Jahrhunderts begann eine systematische Wiederentdeckung seines umfangreichen Schaffens. Aus heutiger Perspektive erscheint „Die Tageszeiten“ als ein Schlüsselwerk seiner Epoche. Es verbindet die Bildhaftigkeit des Spätbarock mit den neuen Idealen der Aufklärung und des empfindsamen Stils. In „Die Tageszeiten“ öffnet Telemann den Blick in eine neue Zukunft der Musik: eine Kunst, die weniger durch gelehrte Konstruktion als durch Klangfarbe, Naturbeobachtung und emotionale Unmittelbarkeit wirkt. Gerade in dieser Synthese liegt die besondere Bedeutung des Werkes. Es ist nicht nur eine musikalische Darstellung des Tageslaufs, sondern zugleich ein klingendes Dokument jener geistigen und ästhetischen Umbrüche, die die europäische Kultur in der Mitte des 18. Jahrhunderts prägten.

 

Quellen

 

Georg Philipp Telemann, Die Tageszeiten (TWV 20:39), Werkartikel der Telemann-Forschung: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tageszeiten_(Telemann)

 

Hamburger Telemann-Archiv, Werkbeschreibung und Editionsinformationen: https://www.telemann-archiv.de

 

Brit Reipsch (Hrsg.), Vorwort zur kritischen Ausgabe von Die Tageszeiten, Verlag Bärenreiter/Broekmans: https://www.broekmans.com/en/bladmuziek/die-tageszeiten-twv-20-39-soli-chor-orchester-klavierauszug-ed-brit-reipsch-186840

 

Zeitgenössische und historische Einordnung von Telemanns Ansehen im 18. Jahrhundert: https://www.reddit.com/r/classicalmusic/comments/1s1y68n/mar_24_birthday_of_georg_philipp_telemann_16811767/

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