Kindheit, Kamera und Konstruktion
Peter Schreyers Erinnerungen an einen DEFA-Dreh, ein Museumsbauwerk und die Bildpolitik der DDR
Es ist ein heißer Junitag, als ich den Schlachtberg hinter Bad Frankenhausen erreiche. Der Wind fegt über die gelbgrünen Wiesen, die Sonne knallt ungehindert auf den Kiesweg zum Panorama-Museum. Weiter oberhalb, auf einer Streuobstwiese, treffe ich Peter Schreyer. Er steht an der „Wiesenküche“, dem mobilen Festspielzentrum der Frankenhäuser Festspiele, das in Kürze eine Schar von Wanderern empfangen wird – auf den Spuren der Bauernkrieger, mit der Frage im Gepäck: Was macht uns zufrieden? Ich komme aus Frankfurt. In den letzten Jahren habe ich an einem Interviewbuch über meine Heimatstadt gearbeitet, unter anderem mit der Fotografin Barbara Klemm gesprochen – über das Festhalten von Zeit und die Spuren städtischer Veränderung. Parallel arbeite ich für ein Filmfestival. Vielleicht war es diese Verbindung von Fotografie und Film, Archiv und Projektion, die dazu führte, dass mir Janek Müller eine Serie analoger Schwarzweißfotos zuschickte: Aufnahmen von und mit Peter Schreyer, entstanden 1955 auf dem Schlachtberg – während der Dreharbeiten zu Thomas Müntzer – Ein Film deutscher Geschichte. Bilder, die mich schließlich veranlassten, nach Bad Frankenhausen aufzubrechen – um Peter Schreyer zu treffen. Auf meine Bitte suchen wir Schutz unter einem nahen Holzunterstand mit Tisch und Bank. Die einfache Brettkonstruktion bietet Schatten, bremst den Wind – nützlich für das Gespräch wie für die Tonaufnahme. Ein kleines Schild verrät den Namen des Unterstands: „Luthers Rast“. Ob Martin Luther je hier war? Wohl kaum. Eine kurze Recherche ergibt: nicht belegt, eher unwahrscheinlich. Auch Peter Schreyer hat seine Zweifel. Selbst ob genau hier, auf diesem Hügel, die entscheidende Schlacht des Bauernkriegs stattfand, sei mittlerweile umstritten. Bis heute hat man keine Überreste gefunden. „Vielleicht fand das alles weiter unten statt. War ja damals alles offen, unbebaut“, sagt er. Aber der Reihe nach.
Der achtjährige Peter Schreyer vor einer nachgebauten Kanone.
ein kind der frühen ddr
Peter Schreyer wurde 1947 in Bad Frankenhausen geboren – Sohn eines Malermeisters, der nach dem Krieg Berufsschullehrer wurde, und einer Mutter, die „für uns alle nähte und strickte“. Seine älteren Geschwister kamen 1935, 1936 und 1940 zur Welt – er selbst sei, so sagt er, die „Wiedersehensfreude nach dem Krieg“ gewesen. 1954 kam er auf die Thomas Müntzer-Schule, später besuchte er die Erweiterte Oberschule. Nach dem Abitur studierte er Stahlbau und begann seine berufliche Laufbahn als Konstrukteur im VEB Stahlbau Bad Frankenhausen, einem Betriebsteil des VEB Eisenhüttenwerks Thale.
1955: Film statt Feldarbeit
Eines seiner frühesten, eindrücklichsten Erlebnisse führt zurück ins Jahr 1955. Peter Schreyer war acht Jahre alt, als Martin Hellberg hier auf dem Schlachtberg den DEFA-Film Thomas Müntzer – Ein Film deutscher Geschichte drehte. Eine der aufwendigsten Produktionen der DDR: vier Millionen Mark Budget, nach den Thälmann-Filmen das dritte große Geschichtsdrama mit eindeutig politischem Auftrag. Der Film sollte die erste Klassenschlacht der deutschen Geschichte im Sinne des neuen sozialistischen Geschichtsbildes erzählen.
Peter Schreyer und seine Familie verfolgten die Dreharbeiten mit großer Neugier – oft dabei: die EXA-Kleinbildkamera seines Vaters, mit Wechselobjektiv und separatem Belichtungsmesser. Die Filme entwickelten sie gemeinsam in der heimischen Dunkelkammer. Einige der Bilder liegen heute zwischen uns auf dem Holztisch.
„Wir waren ganz normale Kinder“
Auf einem Foto steht der achtjährige Peter vor einer für den Filmdreh nachgebauten Kanone. Weißes Hemd, karierter Pullunder – gestrickt von der Mutter. Wahrscheinlich ein Sonntag. „Da war es üblich, dass man sich fein anzog.“ Er beschreibt sich als unauffälliges Kind, eingebettet in eine starke Gemeinschaft: „Wir waren alle eine Truppe. Keiner war besonders.“ Das Bild selbst aber ist ein stiller Beleg dafür, wie besonders dieses Ereignis war. Denn man fotografierte damals nur, wenn es wirklich etwas zu sehen gab.
Das Bauernlager befand sich an der Stelle des später gebauten Panorama
Nachgebautes Teilstück einer Burg aus Holz, Stoff und Gips. Davor das an einen Kranarm montierte Miniaturmodell der Burg
Trickkiste der analogen Filmkunst: Ein maßstabsgetreues Miniaturmodell verschmilzt nahtlos mit der realen Burgruine und dem Gelände im Hintergrund.
Kulisse und Kamera
Ein Schulfreund beherbergte Wolfgang Stumpf, den Müntzer-Darsteller – ein Hamburger Schauspieler, der damals in Ost und West tätig war. So wussten sie immer, wann und wo gedreht wurde. Einmal kletterten die Kinder auf einen Baum – zufällig genau über dem Platz, wo kurze Zeit später eine Kamera postiert wurde. Sie filmte, wie die Bauern über die Nusswiese zogen. „Wir waren auf dem Baum und mussten dort dann ausharren. Die Absperrungen hatten wir vorher ignoriert.“
Viele Frankenhäuser Bauern stellten ihre Pferde dem Filmteam zur Verfügung – und bestellten in dieser Zeit ihre Felder nicht. Dafür gab es besseres Geld. Das erklärt die unberührten Landschaftsbilder im Film. Auch die kasernierte Volkspolizei war als Komparserie eingeplant – „zu glatt, zu jung“, fand Hellberg. Also wurden zusätzlich Teile der Frankenhäuser Bevölkerung engagiert. „Wunderbare, alte Gesichter. Wenn man den Film sieht, denkt man wirklich, das sind Menschen aus dem 16. Jahrhundert.“
Eine Burg, die im Film hoch über dem Kyffhäuser thront, war in Wirklichkeit nur Kulisse – Holz, Stoff, Gips. Aus einem bestimmten Winkel genügte das. Und für die Totale griff das Filmteam in die Trickkiste der analogen Filmkunst: Ein maßstabsgetreues Miniaturmodell der Burg wurde vorn an einen Kragarm montiert, so gehalten, dass es sich aus der Kameraperspektive nahtlos mit dem realen Gelände im Hintergrund verband. Eine Montage, wie sie heute ein Computer erledigt, entstand hier rein mechanisch – live im Bild, ohne Nachbearbeitung. Peter Schreyer stieg damals selbst auf den Kameratisch und fotografierte das Modell – seine erste Lektion in der Kunst der Perspektive: „Dass Film nicht einfach abbildet, sondern Welt erschafft.“
Die Wahrheit der Montage
Ähnlich ging es ihm später mit dem Schnitt: Auf eine Außenansicht eines Hauses folgt im Film eine Innenszene, die ganz woanders gedreht wurde. „Das Springen von einem Drehort zum anderen brachte die Frankenhäuser damals ganz schön durcheinander.“ Manches war ohnehin nicht in Frankenhausen gedreht worden, sondern in Quedlinburg oder auf der Rothenburg im Kyffhäusergebirge – malerische Orte, filmisch passend, aber historisch entfernt. Für viele ein Aha-Erlebnis: Film ist keine Dokumentation – sondern Inszenierung. Apropos Inszenierung: Auf einen Regenbogen, den es vor der historischen Schlacht gegeben haben soll, wartete man beim Dreh vergeblich. Also wurde er nachträglich koloriert – etwas zu bunt, findet Schreyer heute. Aber er war da – genau wie im historischen Bericht. Auch das: eine Form filmischer Wahrheit.
Im Familienarchiv finden sich Diapositive, vermutlich direkt aus einer Filmkopie geschnitten – vielleicht bei einer Frankenhausener Kinovorführung, als das Zelluloid riss. Auf einem ist die Schafherde des örtlichen Schäfers zu sehen. Der Mann hatte seine Scheune in der Seehäuser Straße, „dort, wo heute ein Einfamilienhaus neben dem Lidl steht. Alle kannten ihn.“ Seine Tiere liefen wie selbstverständlich durchs Bild, bezahlt wie auch die Pferde. Der Film ein Gemeinschaftsprojekt – auch wirtschaftlich.
Ein Film zwischen Stolz und Zensur
1956 kam der Film dann in die Kinos, auch in Bad Frankenhausen. „Wir haben ihn uns gleich ein paar Mal im Kino angeschaut.“ Es war kein ideologisches Ereignis, eher ein lokales. „Die wollten aus Müntzer einen Sozialisten machen, aber das war er nicht.“ Wirklich wichtig sei das Erlebnis gewesen, dass der Film hier gedreht wurde, mit den Leuten von hier, auf diesen Feldern, auf diesem Berg. Diese Erfahrung sei es, die zählt – und nicht, was im Drehbuch stand. Meiner Anmerkung, dass die Filmdialoge ohnehin nur schwer zu verstehen seien, entgegnet Schreyer: „Und schlecht hören konnten wir hier schon immer gut.“ In den 1970er Jahren, zum 450. Jahrestag des Bauernkriegs, wollte die Führungsriege der DDR den Film erneut zeigen. Doch die politischen Vorzeichen hatten sich verändert. Szenen mit gesamtdeutschem Bezug mussten entfernt werden, insgesamt wurden zwölf Minuten gekürzt. „Wir haben uns den Film damals mit der Konstruktionsabteilung in der Visionsbar des Kinos in Artern angeguckt – und uns gewundert, was da alles fehlte.“
Auf einem der Diapositive aus dem Film: die Schafherde des örtlichen Schäfers – damals Teil der Komparserie, heute Teil der Erinnerung
Vom Film zur Architektur
Später kehrte Peter Schreyer in anderer Rolle zurück auf den Schlachtberg – als Konstrukteur beim Bau des Panoramamuseums. Auch hier: Inszenierung, Wahrnehmung, politische Steuerung. Die Idee für den Bau, so heißt es, stammte von Edith Brandt, der ersten Freundin Honeckers. Ob das stimmt? Unklar. Aber offenbar setzte sie das Projekt durch. Da der Bau nicht im Plan vorgesehen war, wurden Materialien aus anderen Kontingenten abgezweigt.
„Zement war plötzlich nicht mehr zu kriegen – jedenfalls nicht für die Bevölkerung.“ Der Bau war ein Experiment: HP-Schalen aus Stahlbeton, eine unterspannte Decke, der größte Mobilkran des „sozialistischen Lagers“ im Einsatz. Zwar gab es in der DDR bereits zahlreiche mit HP-Schalen errichtete Lager- und Turnhallen, doch hier betrat man Neuland: Erstmals wurden HP-Wandelemente nicht auf einem durchgehenden Fundament, sondern auf
Stützen montiert. Auch die unterspannte Dachkonstruktion aus HP-Deltaschalen war ein Novum. Die Statik? „Die hat es sicher gegeben“, sagt Schreyer. „Aber Müller war ein Spezialist – man sagt, geprüft habe das damals niemand so genau“ Einmal mehr: Überzeugung, Improvisation, Erfindung – und ein Bild der Geschichte, das bleiben sollte, wie zuvor schon der Film. Doch während man Müntzer im Kino zum Sozialisten stilisierte, wehrte sich Maler Werner Tübke gegen den ideologischen Pinselstrich. Ein sowjetisches Vorbild wie das Moskauer Borodino-Panorama – mit realistischer Nachbildung des Sieges gegen Napoleon, Modellboden und nahtlosem Übergang zur gemalten Kulisse – lehnte er entschieden ab. „Diesen Kitsch wollte Tübke nicht“, sagt Schreyer. Schließlich sei die Schlacht bei Frankenhausen verloren worden. Tübke wollte mehr. Am Ende war er der Einzige, der zusagte – unter der Bedingung künstlerischer Freiheit.
Und malte sich dann, wie Schreyer erzählt, „körperlich kaputt“.
Entstanden ist nicht nur ein Monumentalgemälde, sondern eine Gesamtschau des 16. Jahrhunderts – ein Panorama der Umbrüche, Irrtümer und Hoffnungen, weit über das Schlachtgeschehen hinaus.
Die Wahrheit der Bilder
Als ich die Ausdrucke von Schreyers Fotos, meine Notizen und das Aufnahmegerät eingepackt habe, fällt mein Blick noch einmal auf das unscheinbare Schild an der Holzüberdachung unweit des Panorama Museums. „Luthers Rast“ steht da – immer noch. Auch wenn Luther wohl nie hier war. Aber das Schild steht da – und mit ihm eine ganze Erzählung. Wie so vieles an diesem Ort ist es vielleicht nicht historisch korrekt – und dennoch stimmig. Denn diese Landschaft behauptet sich nicht über Beweise, sondern über Bilder. Ihre Wahrheit liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Art, wie sie sich selbst entwirft. Und vielleicht ist es genau das, was sie so besonders macht.

Kenneth Hujer
Autor
Kenneth Hujer, geb. 1985 in Frankfurt/Main, ist ein freier Autor mit den Schwerpunkten Popkultur, Stadtentwicklung und Architektur. Kenneth wuchs in der nordhessischen Provinz auf, er ist Vater zweier Kinder und Trainer einer Kinderfußballmanschaft.